Volles Risiko 1

 Von Günter Rupp

Günter Rupp beantwortet beim Heurigen Fragen von Hari Schütz. Dorothea schreibt mit.

Ich möchte zuerst Deine Frage beantworten, auch wenn Du sie mir nicht gestellt hast, warum ich außerstande bin, Dir den versprochenen Text über die Dialektik des Opfers zu liefern. Mein Problem ist eines des Schreibens. Es hat mich der Mut zur Schriftlichkeit völlig verlassen. Deswegen können wir jetzt nur darauf hoffen, daß die Rede, die rhetorisch ästhetische, uns voranbringt. Nach Aristoteles hat die Rhetorik einen Nexus zur Selbstbehauptung als Überredung oder Überzeugung und als strategische keinen unbedingten Wahrheitsanspruch. Somit kann ich mich äußern, um mich nicht in tatsächlich unverständlich bleibender Verschwiegenheit zu blamieren. Es handelt sich also um Annäherungen, Vermutungen, Unsicherheiten, Risken. Alles natürlich, als ob es wahr wäre. Sonst wäre jeder Versuch endlos...

Die Schwierigkeiten ergeben sich daraus, daß unsere Sprache vom Heiligen Geist verlassen ist, aber auch von dessen Profanierung als Vernunft. Mithin ist sie führerlos. Sie dient dem Zusammenhang der verschiedensten Diskurse (Foucault) oder der Selbstbehauptung diverser Funktionssysteme (Luhmann). Die Misere verdankt sich der Kritik der Vernunft oder schon deren Verkürzung auf Praxis (Marx). Es scheint fraglich, ob eine Sprache möglich ist, wenn man ihr Subjekt in Frage stellt. Natürlich ist Nietzsches Kritik der Vernunft und alles , was diese nach sich zieht, berechtigt. Indem die Aufklärung Kräfte freisetzt, die sie nicht bannen kann, wird ihr letztlich unendlicher Vernunftbegriff (Geist) verkehrt in tote Ordnung. Dialektik der Aufklärung. Das ist so verstörend, daß bis heute der Streit andauert, ob Wahrheit gedacht werden kann oder nicht. In diesem Zusammenhang muß man feststellen, daß selbst Autoren im Anschluß an Nietzsche immer wieder     zurückfinden zur Subjektphilosophie. Souveränität (Bataille), Kontextualität (Derrida), Signifikant (Lacan). Das bedeutet, daß niemand sprechen oder schreiben kann ohne Telos in der Wahrheit. Wie kann man im Zweifel daran schreiben? Darum versuche ich zu reden. Dir improvisiert zu antworten...

Ehe wir auf die Thematik Deiner Bilderwelt eingehen können, ist es notwendig, Deine Position in der angeblich zu ihrem Ende gekommenen Geschichte der Kunst zu bestimmen. Bekanntlich hat Hegel das Ende der Kunst ausgerufen, weil sie die Philosophie eingeholt hätte. Diesem Verdikt folgt noch der regierende Papst der Ästhetischen Theorie Danto, der sich nach seiner Verklärung des Gewöhnlichen in der Philosophischen Entmündigung der Kunst doch noch zum Hegelianer bekehrt hat. Aber es entgeht ihm nicht, daß eine ungeglückte Aufklärung die Möglichkeit von Kunst weiter aufrecht erhält, wenn diese überhaupt von Philosophie eingeholt werden kann. Wahrscheinlich handelt es sich bei Kunst und Philosophie um gleichrangige Erkenntnisformen. Um Deine Position zu umschreiben, bedürfen wir eines Aufrisses der Kunstgeschichte. Mit der Aufklärung verlieren die Künstler nicht nur ihre Auftraggeber, sondern auch ihre thematische Orientierung. Alle Kanones fehlen. Das künstlerische Subjekt gerät in Vereinzelung. Daraus entstehen die vielfältigen Ersatzreligionen teils wissenschaftlicher, teils politischer oder philosophischer Provenienz. Wobei diese Sukkurse naturgemäß bereits defiziente sind. In den Vordergrund schiebt sich das Projekt des Abstrakten Expressionismus. Die isolierte Künstlerperson sucht ihre Rechtfertigung in Spontaneität oder Privatwissenschaftlichkeit. Heraus kommt Autismus. Was für die Äußerung des Inneren gehalten wird, ist ein Mischmasch von Rationalisierungen und unbewußten Zuschüssen diverser Provenienz. Gekippt wird dieser Subjektivismus durch die Entdeckung des trivialen Gegenstandes, den der künstlerische Blick aus seinem Zusammenhang zu heben und als Besonderes, das für das Ganze steht, zu konstituieren vermag.
Es übersteigt die Möglichkeiten unseres gegenwärtigen Gedankenaustausches, das Hin und Her des Blickes auszuführen. Es muß der Hinweis auf die Lacansche Spiegeltheorie genügen, daß das Subjekt, das seine zersplitterten Glieder nicht zusammenfindet (membra disiecta), das Bild des Anderen auf sein Spiegelbild projiziert und schließlich jene Projektion als Ich retroinjiziert. Diese neue Erfahrung des Gegenstandes bedeutet, daß jeder jederzeit, den Blick vorausgesetzt, Kunst machen kann. Inflation der Kunst. Demgegenüber stelle ich meinen dringenden Verdacht, daß es nicht dieser ästhetische actus purus ist, der Kunst ausmacht, sondern die Einlassung in die empirischen Gegenstände, deren Komposition. Das, was nicht jeder kann, das Kunststück, dürfte den Zauber der Kunst realisieren. Es bleibt bei der Mimesis, die Plato so fürchterlich kritisiert hatte, am Beispiel des Bettes, das gemalt nur die Erscheinung einer Erscheinung wäre, während der Handwerker zur Herstellung desselben wenigstens der Idee bedürfte. So. Jetzt ist Deine Position klar. Das Verdienst Deiner Treue gegenüber dem Empirischen und Besonderen ermöglicht erst den Blick auf das Allgemeine und Ewige. Du darfst Dich nicht wundern, daß der andauernde Selbstdarstellungsbetrieb, obwohl die Moderne Kunst, die nicht dasselbe ist wie die Kunst der Moderne, und bereits seit den Sechziger Jahren maustot ist, was sich noch nicht genügend herumgesprochen hat, Deine Arbeiten möglicherweise verkennt...

Hari moniert, Mimesis, die mimetische Funktion genauer zu fassen bzw. das mimetische Resultat zu unterscheiden vom ästhetischen Moment als Partikel einer Sprache.

Natürlich zaubert Mimesis nur den Schein der Anwesenheit eines Abwesenden her, aber die Komposition fügt hinzu, daß die Bedeutung über das Herbeigezauberte hinausgeht. Also wird der Apfel oder der weibliche Akt oder die pornographische Szene etwas Anderes bedeuten, als es der Fotoapparat festhalten kann, obwohl auch dieser einen verwandelnden Blick haben kann...

Wenden wir uns der Dialektik des Opfers zu, deren Bewegung zu skizzieren ich Dir vor über einem Jahr versprochen hatte. Um forsch in die Sache zu gehen, scheint mir vordringlich festzustellen, daß jeder Täter Opfer ist. Mir scheint, damit zu beginnen, ist der gangbarere Weg. Zunächst, nach gängiger Moral bzw. den idealistischen Residuen darin, ist der Täter Opfer seiner Triebe, sozusagen seiner Animalität. Wenn die Natur das Außersichsein des Geistes ist, wie wir bei Hegel erfahren, dann wird es schwierig, die der Natur zugeschriebenen Bedürfnisse dem Geiste strikt entgegenzusetzen. Tatsächlich geht im Hegelschen Geist der Gegensatz zwischen Natur und Vernunft vollständig auf. Waghalsig formuliert. Bleiben wir unter diesem Reflexionsniveau. Der Täter ist Opfer seiner Triebe. Verlangt wäre Naturbeherrschung. Kategorischer Imperativ. De Sade hat den Standpunkt umgekehrt. Der Triebtäter veträte das Naturgesetz, das Opfer sei sozusagen nicht auf der Höhe. Denn, verstünde es das Naturgesetz, würde es sich unterwerfen und diese Unterwerfung genießen. Perversion. Das Opfer ist nur vor der Perversion der Moral ein Opfer des Täters, in Wahrheit aber das Opfer der Moral. Solche Perversion des Gesetzes in Berufung auf das der Natur dürfte eine Bizarrerie darstellen, wenn es stimmt, daß die Bestimmung des Menschen das Denken ist. Dieses läßt nicht anders sich begreifen als die Methode der Naturbeherrschung. Bataille hat in der aufgeklärten oder jedenfalls der Aufklärung sich verdankenden Ordnung den Tod gesehen, den man nur überwinden könne, wenn man aus dem Normativen, Homogenen ins Heterogene überschreitet. Im Anschluß an die Wiederkehr des Dionysos. Im Gegensatz sieht die Vernunft im Tode oder der Negation des Triebes das Leben. Das alles hat zur Folge, daß sich die menschliche Existenz immerzu mit der Notwendigkeit des Opfers amalgamiert sieht. Die Gestalten der Bilderwelt von Hari Schütz reflektieren jenes Prekäre. Ihnen ist eingezeichnet, wie ärgerlich die Lust stets wird. Alle sind sie betrogen wie Helden, die die Nachwelt nicht heilig spricht, sodaß es beim bloßen Absterben bleibt. Nur die Germanen vermögen aus dem toten Helden einen Gott zu machen (Sigfried). Die Thematisierung der Opferdialektik dürfte ins Zentrum der abendländischen Erfahrung reichen, mithin ein ungeheuer reichhaltiges Vehikel zur künstlerischen Verwandlung sein. Dazu ist etwas zu sagen, was die Begriffe Form und Inhalt betrifft. Es ist ja nicht so, daß Haris Werk sich erschöpft in der Mimesis des Opfertraumas. Ehe wir darauf eingehen, möchte ich daran erinnern, daß vom Christusmythos bis zu den grauenhaften Martyriumsdarstellungen dieses Thema die abendländische Ikonographie beherrscht.

Form und Inhalt. Der Inhalt ist die Form, und die Form ist der Inhalt. Was immer für den Inhalt gelten möge, die Idee, das Ganze, das Ewige, das Andere, das Verborgene, gar das Individuelle als Letztes, der Inhalt steht immer schon fest. Was gefunden werden muß, ist die Form. Nach allem, was wir gesagt haben, wird die Form gefunden im Besonderen. Um durch dieses hindurch das Allgemeine auszudrücken. Die Form ist Ausdruck. Der Ausdruck ist ein guter Ausdruck für sich selbst, weil die Form wird durch Druck erzeugt. Bedarf einer Exaltation des Erzeugenden. Diese Exaltation reflektiert die kompressiven Sonderbarkeiten des Ausdruckes. Wenn wir von der Dialektik des Opfers sprechen, sprechen wir also nicht vom Inhalt der Schützschen Malerei, sondern von jenem Empirischen und Exemplarischen, aus dem er seine Form destilliert.
Gleichgültig, wie die Genese der Opfergestalten von Hari Schütz faktisch erfolgt, sehen sie aus wie Pausen von Fotografien mit ihrer analogen Körperlichkeit. Meistens freilich von der Unterlage bereits außerordentlich emanzipiert. Was von der unterstellten Herstellungsweise bleibt, ist ein äußerst raffiniertes Spiel mit ziemlich festen Außenlinien und in ihrer waghalsigen Fixierung nicht vorhandener Grenzen zwischen Licht und Schatten des gepausten Volumens flottierenden Innenlinien. Das hebt die Schwere des Empirischen auf und führt allein von der Techne her zur Typisierung, Verallgemeinerung. Will sagen, daß wir es zu tun haben mit äußerster Konzentration und Kalkulation der Form und am wenigsten mit tatsächlichen Pausen.

Hari wirft den Begriff der Manipulation ein.

Natürlich handelt es sich bei aller Form um die Manipulation dessen, was Mimesis als Anwesenheit der Abwesenheit herbeigeschafft hat. Wir haben oben in diesem Zusammenhang den Begriff der Komposition verwendet, weil Manipulation inzwischen den Hautgout der unberechtigten Intervention angenommen hat. Hari meint die Manipulation durch den Geist. Unwiderstehlich bleibt Hegels Definition von Kunst als das Einsenken des Geistes in das Sinnliche.