Hari S. / mit mir unterwegs / Opfer der Liebe

Von Georg Biron

Wir sind unterwegs in der Innenstadt, im Bermuda-Dreieck, wo hin und wieder ein paar Einheimische und auch Touristen spurlos verschwinden im alkoholischen Nebel und erst Tage später an irgendeinem anderen Ende der Stadt wieder auftauchen und sich an nix erinnern können. Der Hari und ich, wir passen aufeinander auf, wir sind wie Don Quichotte und Sancho Pansa. Auf der Suche nach den Windmühlen. Aber: Wer ist wer? Bin ich der Don Quichotte, oder ist es er? Doch vielleicht sind wir auch nur die Windmühlen, die Windmühlen von den anderen...
Wir waren zuerst im Kleinen Café, dann im Café Korb und später noch im Espresso Chérie, das übliche Programm, Vollbedienung, und es war gar nicht einmal so schlecht. Wir hängen an der Theke und schütten in uns hinein wie die Gestörten: Schnaps mit irgendwas und noch was und mit viel Eis. Jedenfalls gehen die Drinks leicht hinunter, patsch-patsch, wir erfrischen uns bis zum Umfallen. Zehntausend Kalorien in der Eile, da streut’s einen dann manchmal ganz schön her.
„Ich bin das Phantom der Ober“, singt der Hari. Meine Herren, der ist fertig. Das Publikum geht mir auf den Zeiger, die sind halt alle anders übersetzt als ich – die Drinks aber, die sind okay.
„Ich bin im Baugeschäft“, sagt einer von den jungen Schnurrbärten neben uns an der Bar zu einer Brünetten. „Ich habe sieben Männer unter mir. Das ist manchmal ganz schön schwierig.“
„Ja, ja“, seufzt die Brünette. „Das kenn’ ich.“
Der Hari erzählt mir von einer Frau. Was das für eine miese Ratte gewesen ist. Das ist eine Welt. Wir haben keine anderen Sorgen? Ein Rosenverkäufer herein bei der Tür. Ein Habibi-Araber, der findet es witzig, wenn er „Schalom!“ sagt. Diese Rosendealer wollen einfach nicht begreifen, dass wir zwei nicht warm sind, der Hari und ich. Die glauben jedes Mal, dass sie mit uns ein Geschäft machen können.
„Wunderschöne Champagnerrosen“, sagt der Vogel zu mir und zwinkert. „ch mache Sonderpreis!“
„Mach eine Reise!“ sag’ ich zu ihm, und er schaut, dass er seine Stauden woanders anbringt.
Der Hari erzählt mir oft von dieser Frau. Ich kenne jedes Detail. Wenn ich die Augen zumache, kann ich ihre Blinddarmnarbe von innen sehen.
„Sei doch froh, dass du sie los bist“, sag’ ich. „Warum lässt du dich von der Frau so fertig machen?“
„Sie ist eine Kleptomanin“, flüstert er. „Sie hat mein Herz gestohlen.“
„So was geht bei mir nicht“, sag’ ich. „Ich hab’ gar kein Herz.“
Er nimmt einen Zettel aus der Brieftasche, nicht schon wieder, bitte-bitte, aber es hilft nichts: Zum tausendsten Mal zeigt er mir die kleine Zeichnung von der miesen Ratte, die nackt ganz appetitlich ausschaut, aber leider hat sie einen Rattenkopf.
Ganz zärtlich fährt der Hari mit dem rechten Zeigefinger über den verkohlten Körper auf dem Zettel, den er seit drei Jahren wie einen Feldaltar mit sich herumschleppt. Diese Ratten-Biographie macht mich langsam mürb.
„Seid’s ihr zwei eigentlich nüchtern auch irgendwann?“ fragt die Tochter des Teufels und bringt neue Drinks. Auf solche Fragen geben wir schon lange keine Antwort mehr. Wir greifen an. Das Trinken ist eine Attacke. Und die Leber spielt das Lied vom Tod. Ganz nebenbei rauchen wir auch eine Harte nach der anderen. Na, freilich. Was denn?
Mir hängen seine Geschichten schon überall heraus, aber wozu hat man Freunde? Dass man sich den ganzen Scheiß anhören kann. Wir sind nicht auf der Welt, um verstanden zu werden, sondern um zu verstehen. Außerdem zahlt er heute die Drinks. Das kostet die Lawine. Ich schaue mich ein bisschen um im Lokal, weil ich darf nicht dauernd dem Hari ins Gesicht schauen, wenn der neben mir verfällt. Der erinnert mich stark an Steve McQueen – am Schluss von Papillon. Mir genügt es, dass ich merke, wie ich verfalle.
Was sehe ich? Ich sehe Männer, die sich über miese Ratten unterhalten. Und ich sehe die zwei blonden Luxusschnallen, die sich in meiner Nähe parfümieren, miteinander hinter vorgehaltener Hand kichern und sich frech und grell in ihre Wolfspelzmäntel kuscheln. Und natürlich Cocktails trinken, auf vornehm und mit Sonnenschirm. Die beiden Lackmuschis wollen sicher die Bekanntschaft einer Kreditkarte mit Schwanz machen. Also nix für uns. Oder doch? Eigentlich hab’ ich nix gegen Vogue-Abonnentinnen. Ich schaue mir die eine ein bisschen besser an und stecke mir dabei eine Filterlose ins Gesicht. So vergeht auch die Zeit. Die Musik im Lokal ist jetzt ein guter Soundtrack für den Film, der in meinem Hirn abrennt. Nach zehn oder zwölf Drinks glaube ich sowieso immer, ich bin der Camel-Mann. Meine Hände lass’ ich in den Hosentaschen verschwinden, rauche amputiert. Ich blinzle ins Flaschenregal hinter der Bar, die Hormon-Big-Band geigt auf, und die Tochter des Teufels hinter der Bar hängt frech am Zapfhahn und grinst mich an, weil sie spürt, dass ich heute wieder einmal auf der Jagd bin. Und fest entschlossen, ein Opfer der Liebe zu werden. Der Spiegel zeigt mir das Genick der Blonden, im Bauch tobt die Musik von Dan Reed Network. Kennt man nicht, ich weiß.
„Baby“, rufe ich der Tochter des Teufels zu, „die Musik ist zu leise. Dreh auf bis zum Nagel.“ Sie ist eine gute Kellnerin, die macht alles, was man ihr anschafft. Dafür bescheißt sie dich bei der Abrechnung.
Der Hari hat seinen Schädel zwischen den Fäusten festgeschraubt, stützt sich auf die Ellbogen und erzählt der Schüssel mit den Erdnüssen vom nächsten Bild, das er zeichnen will.
Die Blonde ist jetzt dicht neben mir, das Parfüm macht mich fast ohnmächtig, manchmal ist der Duft der Frauen wirklich viel zu penetrant, ich spüre ihren Blick von der Seite, die Beste hat es geschnallt, dass ich ihr Opfer sein möchte. Die Braut muss Geld haben, frage nicht. Sie hat eine alte Fünfhunderteinser an, mindestens 20 Jahre alt, diese Jeans: Das E im Levis-Etikett ist großgeschrieben.
„In deiner Haut möcht’ ich stecken“, sag’ ich zu ihr. „Und wenn’s auch nur ein ganz kleines Stückchen ist.“
Sie schmunzelt. Dann spür’ ich plötzlich ihre Hand zwischen meinen Schenkeln.
„Na“, fragt sie mich. „No future?“
Die beiden Freundinnen lachen wie wild und ziehen fröhlich ab. Dem hat sie’s aber gezeigt, dem kleinen Wixer! Jetzt bin ich also wieder bei Wodka. Schütt. Die Zeit der schönen Frauen ist vorbei. Es gibt nur noch Make-up. Überhaupt in dieser Stadt. Die können nicht lachen mit den Augen, haben alle keinen Glanz darin. Lustlose Partisaninnen sind das, die halt auch soviel saufen wie die Männer, die Gesichter aufgeschwemmt wie nur was. In Wien lässt man sich’s eben gut gehen.
„Furchtbar war es“, sagt der Hari, „einfach furchtbar … schauderhaft.”
Zuviel Alkohol ist in dieser Stadt, und wenn der Hari in der Halbliterklasse unterwegs ist, ist er nicht mehr ganz dabei und kaum zu bremsen. Es ist ein Wunder, dass der nicht unerträgliches Ohrenweh kriegt, wenn er sich die ganze Zeit selber zuhören muss.

Ein paar Tage später hab’ ich die Frau mit den teuren Jeans im Kleinen Café wieder gesehen. Ich habe geglaubt, mich trifft der Schlag. Die hat sich die Haare rosarot färben lassen und hat ausgeschaut wie ein Robbenbaby nach einem Greenpeace-Einsatz. Gnadenlos war das Licht, und sie war der Mittelpunkt an der Bar. 15 Flachwichser rundherum im Gelände, sie selbst hat schon ein bisschen übers Kreuz geschaut, zuviel Tequila. (Flüssige Gehirnchirurgie.) Keiner trinkt hier Linsensaft. Na klar: Die Typen haben sie versenken und dann wahrscheinlich auf dem Rücksitz von einem 626er verstauen wollen. Das ist eines von diesen schicken japanischen Autos, die daherkommen wie Amischlitten, die man zu heiß gewaschen hat. Ja, wirklich, die ist sehr sexy. Der Tanz der Vampire. Die Typen hacken die Zähne in ihren Hals und saugen ihr blaue Wunden in die Haut. Die wollen ihr ihre Pflöcke nicht nur ins Herz rammen. Keine Frage.
Sie schaut mich an, ich schaue sie an: Die erkennt mich nicht einmal mehr! Na gut, dann eben nicht. Aber vielleicht spielt sie mir das auch nur vor.
„Ich bin ein weiblicher Torero“, sagt sie zu einer von diesen Figuren, und der Beste hört zu, als hätte sie ihm gerade den Urknall erklärt.
„Ich nehme dich auf die Hörner“, kichert einer, und die anderen Flachwichser lachen, das ist ja auch wirklich sehr sehr komisch, ha-ha-ha.
„Herr Ober, einen doppelten Hirnpreller, bitte!“ sagt der Hari, dem das Robbenbaby ziemlich wurscht ist.
„Badeschluß“, sagt der Servierkörper beim Inkasso. „Jetzt hab’ ich zwei Hunderter im Sack und kann aufhören. Ich werde zum Roberto fahren und mir ein Gramm kaufen.“
Na, gratuliere…
„Moral ist immer die Zuflucht der Leute, die die Schönheit nicht begreifen“, sagt der Servierkörper und schiebt mir einen Hirnpreller auf Kosten des Hauses rüber. Nanu, denk’ ich, der ist ja nicht nur heiß wie das Fegefeuer, der ist ja auch noch ein Philosoph. Und dann greif’ ich an. Attacke!
„Mein Gott, was ist los mit dir?“ fragt mich der Spiegel am Klo. Der muss mit dem Spiegel auf dem anderen Klo verwandt sein, wo ich letztes Mal war: dieselbe arrogante, geschliffene Art. „Was sind denn das für Gedanken? Du bist ja heute völlig willenlos. Warum greifst du dir nicht die Rosarote und sagst ihr, dass du verliebt bist in sie? Ich glaube, die Hirnpreller haben dir nicht gut getan, da musst du unbedingt noch ein paar Wodkas nachtrinken.“
Ich gehe raus, aber das Robbenbaby ist schon fort, und ihre Burschen kann ich auch nirgends sehen.
Mein Verhältnis zu Frauen ist früher ganz anders gewesen. (Ganz früher.) Viel besser als heute. Aber das nützt einem sowieso nix. In der Einzelhaft der Kreativität braucht man keine Weiber, da braucht man eine gute Vorhand.
Ich bin nie aggressiv gewesen bei den Frauen, ich war immer sehr selbstkritisch, immer sehr unglücklich über sexuelle Träume, in denen die Frauen erniedrigt worden sind. Ich war ein Trottel. Der Orgasmus der Frauen, mit denen ich beisammen war, ist mir immer viel wichtiger gewesen als mein eigener. Ich war für die Weiber auch oft ein guter Gesprächspartner, der die bösen Männer verachtet und die geschundenen Frauen bemitleidet hat. Diese Opfer haben eine Macht gehabt, alle Achtung. Auf mich haben sie jedenfalls immer zählen können, die Frauen. Ich habe manchmal sogar am Frauen-Stammtisch sitzen und zuhören dürfen. Bla, bla, bla, oder? Irgendwann geht sich das eben alles nicht mehr aus. Ich kann es nur immer und immer wieder sagen: „Der Teufel schläft nicht. Im Gegensatz zu Gott.“
Einmal sitz’ ich mit dem Hari in einem Wirtshaus in der Vorstadt. Er ist ziemlich moralisch unterwegs und quält mich lautstark.
„So brauchst du mit mir nicht reden“, sag’ ich. „Du bist ja nicht mein Vater.“
„Das kann man nie wissen“, sagt er. „Ich habe ganz schön viel weggeschmissen in den siebziger Jahren.“
Wir trinken einen Weißen, der fast die Gurgel durchätzt, aber billig ist der Wein, und dann reden wir über Van Morrison und über die Frauen in unserem Leben. Seine hat ihn gerade verlassen, deswegen kann er jetzt Van Morrison nicht mehr hören. Nicht, weil der ihn an sie erinnert, sie hat die ganzen Platten mitgenommen, und wenn er am Nachmittag langsam aus dem Öl vom Vortag rauskriecht, dann haben die Plattengeschäfte schon geschlossen, und kein Lokal spielt Van Morrison, immer spielen sie nur Jim, aber der hat ja schon vor langer Zeit die Türen hinter sich zugemacht.
So ist es dahingegangen, stundenlang, tagelang, es war eine unerträgliche Raunzerei. Der Weißwein war nicht zum Saufen, aber wir haben ihn uns trotzdem tapfer ins Profil gestoßen, ohne zu ermüden. Der Herr Schütz ist ein passabler Kampftrinker.
Wenn einer von woanders nach Wien kommt, der bleibt nicht, wie er war. Da kann man zuschauen. Das dauert gar nicht lange. Die kommen daher, propere Jungs und flotte Mädels, Ausländer mit viel Animo, und sie glauben, sie haben alles im Griff. Dann schauen sie sich ein bisschen in der Stadt um und merken schnell, dass das alles nicht so funktioniert, wie sie sich das vorgestellt haben, und schon kann man sie überall in den Gifthütten treffen, und auf ja und nein sind sie in der Halbliterklasse unterwegs und hoffen, dass sie zumindest beim Saufen mit Wien mithalten können. Die ersten Adern platzen, sie gehen langsam aus dem Leim, sind schwer gezeichnet, die Bügelfalten sind sowieso schon verschwunden, und das Hirn setzt immer öfters aus.
So werden aus Ausländern Wiener.
Die können sich nie wieder von diesem Schock erholen. Ihr ganzes Leben lang nicht. Wer Wien überlebt, überlebt alles. Wien ist die härteste Grundausbildung überhaupt.
Der Hari war auch immer so einer. Unterwegs war er mit viel Promille, dann hat er eine Krampfbraut vom Frauen-Stammtisch kennen gelernt, ich sehe ihn eine Woche nicht, zwei Wochen nicht, ich saufe woanders, saufe mit dem Robbenbaby, die Gurgel erholt sich wieder. Dann ist er plötzlich wieder am Herumziehen, wir treffen uns in Hernals, in Ottakring, in Penzing – und bei Van Morrison kenn’ ich mich heute aus.
Irgendwas ist in der Zwischenzeit geschehen, ich weiß nicht, was. Auf einmal ist er so betrunken, dass er Van mit Jim verwechselt und mir sein Elend erzählt. Das beginnt in erster Linie damit, dass er ein Künstler ist und irgendwann die Sissy geliebt hat.
„Allein bin ich gut“, sagt er. „Zu zweit bin ich eine Katastrophe. Ich kann nicht allein sein. Zwei Wochen lang habe ich mich mit ihr getroffen, und ich hab sie richtig lieb gehabt. Ich habe ihr von Muddy Waters verzählt, und sie hat mich gefragt: Wo liegt das? Süß, nicht? Aber sonst war sie sehr clever, hat mir das und das erzählt und hat mir von der Spielzeugmesse in Nürnberg erzählt, wo es KZs zum Selberbauen gegeben hat, Maßstab 1:200. Da haben sie Baracken, Gaskammern, Verbrennungsöfen im Kleinformat, sogar Häftlinge gibt es und Wärter. Auf der Spielzeugmesse, das muss man sich einmal vorstellen!”
Ja, ist ja schon gut, keine Details, bitte!
„Wir sitzen also und reden. Wir haben immer nur geredet. Sie ist am Anfang nie mit mir ins Bett gegangen. Ich bin doch keine Fickmaschine, sagt sie zu mir, und ich denke mir nur: Okay, ich lass ihr Zeit. Und dann passiert’s. Ein Motorrad-Typ kommt ins Lokal herein, so ein tätowierter Nierenspender, eine richtige Macho-Sau. Der steht an der Bar, grinst wie ein Depp und schaut sie ganz genau an. Von oben bis unten schaut er sie an. Vor allem unten. Und sie schaut zurück. Ich habe sie gefragt, ob sie den kennt, aber sie schüttelt nur den Kopf. Und ich habe es ihr geglaubt. Dann kommt der Typ plötzlich her zu unserem Tisch und sagt zu ihr: Komm mit, Alte, ich will mit dir eine Runde auf meiner Harley drehen. Und weißt du, was passiert? Sie schaut mich lange an, dann steht sie auf, sagt, dass es ihr leid tut, und zieht tatsächlich mit diesem Typen ab.“
Ich höre ihm zu und will es nicht glauben, aber warum sollte mich der anlügen. Wenn ich eine Frau wäre, dann würd’ ich auch nicht den ganzen Tag mit einem Kerl, der die Überfuhr in den Mainstream verpasst hat, über Van oder Jim reden wollen und über die Spielzeug-KZs – nur damit der was von mir hält, obwohl er doch rein gar nichts von sich selber hält.
Es ist halt wirklich oft eine blöde G’schicht, das Leben.
„Willst du mir eine Zeichnung abkaufen?“ fragt er plötzlich aus dem Hinterhalt und packt sein Werk aus.
„Wozu? Was soll ich damit tun?“ sag’ ich. „Ich habe doch damit nicht einmal Wand zum Aufhängen…”
„Aber ich brauche das Geld“, sagt er und kotzt fast. „Ich weiß, du kannst die Zeichnung irgendwann einmal für irgendwas ganz Besonderes verwenden. Sie wird dein Leben verändern.“
Boom, boom, boom, boom. Ich habe ihm schließlich die Zeichnung abgekauft.
Dann hat mich der Herr Schütz noch schnell zu einem Konzert eingeladen. Samstag, kurz nach Neun. In einem Tunnel. Ich gehe also hin und höre zu.
„Achtung, Sprechprobe! Achtung, Sprechprobe! One, two. One, two. One, two. It’s Blues-Time, friends…”
Dann spielt die Partie endlich, und rundherum machen sich auf der Bühne noch ein paar andere Tänzerinnen wichtig. Pling-Pling-Ploing-Ploing.
„Unsere nächste Nummer ist vielen Menschen noch immer ein Begriff. Das ist eine Hymne aus den sechziger Jahren: The House Of The Rising Sun…“
Es hat zwölf Minuten gedauert und geklungen wie ein vier Stunden langer Autounfall. Ich bin dann schnell gegangen, und seit damals war ich mit dem Hari nie mehr bei einem Konzert.
Wie bin ich jetzt auf das gekommen?
Na, egal…

Ich stelle mich an die Bar zur Tochter des Teufels und schütte Cocktails in mich rein, später Wodka, Bourbon, Fernet, serbischen Kräuterschnaps. (Die Reihenfolge hab’ ich vergessen.) Damit ich diesen Geschmack nicht lange im Mund habe, spüle ich mit gespritztem Weißwein und mit Bier nach. Vielleicht kommt später noch der Hari vorbei. Der ist an manchen Tagen der einzige, mit dem ich reden kann. Ich werde ihm von der Rothaarigen erzählen.
Einstweilen schaue ich der Tochter des Teufels ein bisschen beim Arbeiten zu.
„18 bin ich“, sagt sie, „18.“
Und sie macht den Job da gerne. Servieren und so. Vor allem Servieren, das Und-so, das macht sie eher weniger gerne.
„Mit den Jungen“, sagt sie mir nach ein paar Bourbon-Colas (Four Roses), die ich geschluckt habe, da kann sie nix anfangen, oder fast nix. Die Älteren, das ist schon eher ihre Geschichte, die sind ihre Abteilung. So wie ich halt, sagt sie, das findet sie gut…
Die Jungen, die haben nur eine Stärke – und zwar die im Bett. Da sind sie wirklich gut, weil die fast immer können, und mehr als einmal können sie auch.
Ich schaue mir ihre Beine an, die sind schön und hören gar nicht mehr auf, schön zu sein, und auch der Rest unter ihrer Baumwolle ist die Sensation, der ist klein und fest und rund, sodass man am liebsten… Ihre Brüste sind fast nicht vorhanden, aber hart sind sie und rund und g’sund wie der ganze Rest, und sie stehen ganz frei und locker unter ihrem Pulli, und wenn ich mir diesen Mund…, zwei Bourbon-Cola später, …wenn ich mir den Mund anschaue und mir vorstelle, wie der an mir nascht, dann wird’s mir ganz warm in meiner Einsamkeit.
„Bei den Typen, die so alt sind wie du, da fühle ich mich sicher“, sagt sie, „und verstanden. Die entwickeln so eine Art Vaterkomplex bei mir, das ist manchmal sehr angenehm, du weißt, was ich meine…“
Sie lacht: „Aber am liebsten hab’ ich Frauen…“
Ich nicke und schlucke die stacheligen Rosen aus meinem Glas. Der Spiegel am Klo hat recht. Ich schaue furchtbar aus.
Ein Wahnsinn normal: Sie lehnt sich an meine Schulter und erzählt, dass sie Sartre sehr gerne hat und manchmal auch Bukowski, weil der so direkt ist, obwohl er schon so alt ist – und dass sie froh ist, dass ich auch schon älter bin, aber nicht so alt wie der Bukowski: „Lebt der eigentlich noch?“
„Bring mir bitte noch vier Rosen, du Stück, mit Coca-Cola. Kein Pepsi, denn der Geschmack von Batteriesäure, der ist nur im Coke und nicht im Pepsi.“
Das hat ihr noch niemand erzählt, und sie schaut mich an aus ihren großen, braunen Augen und lächelt, bläst eine helle Haarsträhne aus ihrem Puppengesicht.
„Wie alt bist du eigentlich“, fragt sie später, und ich lege die Geldscheine auf die Theke.
„XXX“, sage ich, „XXX. Hättest du dir das gedacht?“
„Da hast du sicher schon eine ganze Menge erlebt“, sagt sie. „Ich habe mir gedacht, dass du mein Vater sein könntest. Ich beneide Menschen, die schon so viele Erfahrungen gemacht haben. Erzähl mir was…“
Da kommt lachend der Hari bei der Tür herein. Den Schluss des Dialogs kriegt er noch mit und sagt zur Tochter des Teufels: „Lass dir nix erzählen. Der ist bald 50.“
Was soll man in so einer Kurve tun? Da kann man nur geradeaus weiterfahren, Vollgas mit der Vierten, und heim. Nichts wie heim.

Manchmal wird auch aus dem Täter ein Opfer. Und ein Opfer kann manchmal ganz schön viel getan haben, ganz schön viel Täter sein, bevor es zum Opfer wird. Und schwarz-weiß gilt nicht.
Eingepackt in diesen Rausch leg’ ich mich nieder, mach’ die Augen zu, alles dreht sich, aber keine Geister sind zu sehen, immerhin. Ich spiele noch zehn Minuten, aber natürlich wird da nichts mehr lebendig. Ich stelle mir die Rothaarige vor und Tochter des Teufels und sogar die Sissy und eine von den Slowakinnen aus den Pornofilmen. Sie spreizen die Schenkel, und ein Fremder beginnt zu ackern und zu säen. Das ist sowieso das einzige, was die Frauen wollen. Seien wir uns ehrlich. Sie legen sich hin und lassen sich nehmen. Einfach nur dort liegen und nichts tun. Je größer, umso besser. Lang und dick soll er sein und gleich vor Begeisterung in die Höhe steigen, wenn sie sich hinlegen. Das war mir aber sowieso schon immer alles zu blöd. Aber vielleicht ist die Rothaarige anders?
Dann schlafe ich endlich ein. Ich habe Angst vor der Zeit, in der ich mir in solchen Nächten selbst genug sein muss. Diese Tage. Diese Nächte. So kann es nicht weitergehen.

Später schaue ich mir die Zeichnung vom Hari an und betrete sie. Ich gehe rein zwischen die Linien und schaue mich um. Ihr Kleid hat Spaghetti-Träger, ich habe Hunger, vor den Fenstern flockt der Schnee in der schwarzen Luft herum, das Wetter ist wirklich völlig daneben. Ihre Augen glitzern vom Saufen, sie denkt sich über meine sicher auch so etwas, die Haare hängen ihr wirr vom Kopf, während sie mir das alles erzählt, die Lippen sind feucht vom Wein, der Spaghetti-Träger rutscht ihr von der linken Schulter, sie greift danach, erwischt ihn erst beim zweiten Versuch, muss lachen. Völlig fett, die Beste.
„Hast du jetzt meine kleine Brust gesehen?“ fragt sie kichernd und hält sich die Hand vor den Mund.
„Nein, wieso?“
Ich habe eine Waffe in der Hand. Die hat mir der Hari gegeben. Einfach gezeichnet, diese Beretta. Bumm-bumm, schon sind die Vögel wieder in völliger Aufregung. Aber ich schieße nicht auf Vögel. Nein, wirklich nicht. Das ist mir zu kriminell. Ich habe nichts gegen die Tiere, ich bin außerhalb der Liebe kein Jäger. Die tun mir leid. Ich liebe die Tiere, sie sind unschuldig.
„Die Menschen sind nie unschuldig“, sagt der Hari. „Vor allem die Frauen nicht.“
Vor ein paar Jahren hab’ ich Wildenten geschossen. Ein Paar ist damals in niedriger Höhe über einen See geflogen, und ich habe den Donald abgeschossen. Die Daisy hat aufgeregt beigedreht, und da hat es mir schon leid getan, er hat sich überschlagen und ist abgestürzt. Weinend ist sie über mir und dem toten Donald hin und her geflogen. Die hat wirklich geweint, es war schlimm. Es hat sich angehört wie das Weinen von einem Kind. 20 Minuten lang hab’ ich mir das angehört und war völlig in Panik. Ich habe mich wirklich schlecht gefühlt.
Ein Wahnsinn, ich habe weinen müssen. Dann hab’ ich die Daisy auch abgeschossen, damit Ruhe ist. Tatsache.
Diese Treue war rührend, genützt hat es ihr aber im Endeffekt nichts, wie sie da im Tod vereint auf der Silberplatte im Salon gelegen sind. Et erunt due in carne una. Sie haben beide gut geschmeckt, aber die Jagd lass’ ich seither aus. Bei Menschen gibt es diese Treue nicht. Da kann man zwar in Romanen das Gegenteil lesen und im Fernsehen sehen, aber live erleben wirst du das nie. Der Fluss der Liebe, so ein Schwachsinn...
Die Liebe ist ein Fluss in Preußen: fünf Buchstaben, 17 waagrecht. Das kenne ich aus dem Kreuzworträtsel.
Ich schieße jetzt nur mehr auf Zielscheiben. Aber das regelmäßig. Man weiß ja nicht, was für Zeiten kommen. Da müssen wir dann den Häuserblock mit der Pumpgun verteidigen – oder was weiß ich. Die Gestörten werden ja immer mehr. Die Zeit der Attentäter ist angebrochen. In der Dritten Welt kann man sich keine Freiheitskämpfe mehr leisten, die Sonettunion gibt es ja nicht mehr. Auch wenn der Hari das nicht wahrhaben will. Aber ein paar handfeste Terroranschläge sind immer noch drinnen. Und zwar dort, wo es einen Sinn hat. Nicht im Busch, sondern bei uns. Und mittendrin die Typen, denen keiner zuhört. Die spazieren fahren mit dem Revolver, und wehe, einer macht einen Kratzer in den Autolack. Oder er schaut blöd. Dann ist es aus mit der Gemütlichkeit. Da wird man zum Berserker. Und auch die ewigen Probleme mit den Frauen werden sich in Zukunft immer häufiger mit einem Kopfschuss lösen lassen. Es fängt ja schon an, es steht ja schon in den Zeitungen. Jeden Tag. Und es wird sicher noch brisanter werden. Die Attentäter machen mobil. Aus Opfern werden Täter. Aus Tätern werden Opfer. Und man wird sich fragen, wann endlich der Jesus wieder kommt.

Dann falle ich tief in die Zeichnung vom Schütz hinein. Ganz nach hinten. Wo es ganz weiß ist. Ich zünde mir eine gezeichnete Zigarette an und gehe zu einer Zielscheibe. Es sind genau 428 Schritte.
Wo ist denn hier der Notausgang? Aus diesem ganzen Irrsinn muss ich raus, so schnell es geht. „The Big Sleep“, nenne ich die Zeichnung. „The Big Sleep”.